INTERVIEW | Reinheimer Bürgermeister Manuel Feick im Gespräch

Veröffentlicht am 20. Mai 2020
INTERVIEW | Reinheimer Bürgermeister Manuel Feick im Gespräch

Reinheimer Aktuelles im Gespräch mit dem Reinheimer Bürgermeister Manuel Feick:

Hallo Herr Feick, vielen Dank für die Möglichkeit eines Interviews. Vor einem Jahr haben Sie die Wahl zum Bürgermeister gewonnen. Seit dem ist viel passiert. Im Moment befinden wir uns in außergewöhnlichen Zeiten, die auch von Ihnen als Bürgermeister einiges abverlangen. Also starten wir mit einem einfachen: Wie geht es Ihnen?

Manuel Feick: Hallo liebe Leserinnen und Leser von reinheimer-aktuelles.de! Danke! Schön, dass Sie fragen. Mir geht es gut. Meine Frau, meine Verwandten und Freunde, Bekannte, Kolleginnen und Kollegen sind gesund und das freut mich genauso wie die Tatsache, dass in unserer schönen Stadt sich sehr viele Menschen extrem solidarisch und vorbildlich verhalten und das motiviert mich sehr und gibt mir ein schönes Gefühl der Dankbarkeit – einmal mehr. Ich hoffe, es geht Ihnen allen und Ihren Liebsten auch gut!

Corona dominiert seit mehr als zwei Monaten unseren Alltag und die Schlagzeilen. Wirtschaftlich wie auch gesellschaftlich haben wir mit vielen Restriktionen zu leben und müssen uns an einige Umstellungen in unserem Alltag gewöhnen. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation und was ist Ihre Einschätzung wie lange wir noch mit Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen leben müssen?

In der Tat hat sich unser Leben, unser liebgewonnener Alltag innerhalb weniger Tage massiv verändert und wir alle mussten und müssen Einschränkungen hinnehmen, die wir so nicht kennen. Aber welchen Zweck haben diese Maßnahmen? Sie dienen dem Schutz von Menschen, sie dienen unserer Gesundheit und sie beschützen uns davor nicht in Situationen zu kommen, wie wir sie Anfang März nur wenige hundert Kilometer bei unseren europäischen Partnern und Freunden erleben mussten. JA, diese Maßnahmen sind ein Eingriff in unsere Grundrechte, aber sie sind nicht von Dauer und sie sind endlich. Glauben Sie mir, auch ich musste erst einen Weg finden mit dieser Situation klarzukommen. Nicht wegen der Entscheidungen die zu treffen waren, sondern insbesondere weil ich mir Sorgen um die Menschen machte und mache. Doch wenn ich abends in meinem Bett liege weiß ich, es geht Vielen so und ich weiß auch, dass ich heute mit diesen Einschränkungen zwar wieder nicht glücklich war, aber ich damit mein persönliches Umfeld und das anderer geschützt habe und daher bin ich dann auch immer wieder motiviert, konsequent zu handeln, Abstand zu halten, soziale Kontakt zu meiden und meinen Job täglich so zu machen, dass die Menschen informiert und geschützt sind.

Wie lange diese Situation noch andauert kann ich nicht sagen, aber ich weiß, ich handele jeden Tag so, dass wir so schnell wie möglich das alles überstanden haben und daher hoffe ich, es wird bald besser und ich vertraue hier nur Fakten und geprüften Informationen. YouTube ist für mich kein Faktencheck.

Besonders die Wirtschaft wird von den Auswirkungen der Maßnahmen gegen das Corona-Virus hart getroffen. Viele Sorgen sich um Ihre Arbeitsplätze und ihre Existenz. Die Folgen kann man wahrscheinlich erst in den nächsten Monaten wirklich bewerten. Welche Maßnahmen hat die Stadt Reinheim geplant bzw. unternommen um den Reinheimer Gewerbetreibenden durch die Krise zu helfen?

Vorab ist zu sagen, dass es grandios war zu sehen, wie unglaublich vielfältig unser Gewerbe auf diese Lage reagiert hat und dankbar bin ich auch, dass die Reinheimerinnen und Reinheimer so gut auf diese neuen Angebote reagiert haben. Wir müssen darauf achten, dass wir nicht nur in der Krise, sondern grundsätzlich unser Gewerbe immer unterstützen und lokal beauftragen, handeln und einkaufen. Der Gewerbeverein hat innerhalb weniger Tag ein tolles Portal geschaffen, auf welchem sich die Menschen sehr gut informieren können, was wo angeboten wird. Seitens der Wirtschaftsförderung haben wir sämtliche verordnungsrechtlichen Grundlagen an die Unternehmen weitergegeben, informieren stets aktuell über Unterstützung- und Förderangebote, stehen also als ganz eigene Beratungsstelle zur Verfügung, haben die Gewerbesteuervorauszahlungen für 2020 ausgesetzt und eine Dienstanweisung zur Stundung von säumigen Beträgen auf den Weg gebracht und das innerhalb weniger Tage. Selbstverständlich haben wir auch auf die individuellen Anfragen alle unbürokratisch behandelt und entschieden, was grundsätzlich unser Anspruch ist und nicht nur in der Krise. Diesen Weg werden wir auch weiterhin konsequent gehen, genauso wie wir unsere Werbung für unser Gewerbe massiv ausgebaut haben und das auch weiterhin tun werden. Die Gewerbetreibenden brauchen dies Hilfe und auch deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich bin froh über die staatlichen Maßnahmen und weiß, dieser Weg ist noch nicht zu Ende.

Neben der Wirtschaft sind es vor allem Familien, die sich in diesen Zeiten umstellen müssen. Geschlossenen Schulen, Kindergärten und Kitas sowie das Arbeiten im Home-Office stellen Eltern und Kinder vor neue Alltags-Herausforderungen. Die Besuchsverbote für ältere Menschen (Eltern, Großeltern etc.) und Risikogruppen machen die Situation nicht einfacher. Wie zufrieden sind Sie mit der Akzeptanz der Maßnahmen durch die Reinheimer Bürger und welche Aussichten für mögliche weitere Lockerungen können Sie geben?

In der Tat sind die getroffenen Maßnahmen eine deutlicher Eingriff in unseren Alltag. Das habe ich ja bereits beschrieben. Die soziale Herausforderung und Belastung ist hierbei nochmals deutlich schwerer, als die gesetzliche. Die Kontakte zu den Menschen, zu  unseren Seniorinnen und Senioren, Freunden, Bekannten, Familie außerhalb des Hausstandes wiegt sehr schwer. Für Kinder waren und sind diese Maßnahmen gerade auch in Bezug auf ihren Entwicklungsprozess nochmal eine ganz andere Belastung und Herausforderung. Hier müssen wir schnellstmöglich unsere Betreuungseinrichtungen wieder öffnen dürfen. Allerdings mit entsprechenden Sicherheitskonzepten, um eben so schnell wie möglich zu einem normalen Alltag, sofern dieser in dieser Zeit normal möglich ist, zurückkommen. Wir gehen aktuell von einer Öffnung der Betreuungseinrichtungen ab Anfang Juni aus. Konzepte hierfür gibt es seitens des Landes noch nicht. Wir wollen aber vorbereitet sein und nicht erst loslegen, wenn freitags eine Gesetzesänderung verkündet wird, die montags in Kraft treten soll. Daher arbeiten wir aktuell bereits an einem umfassenden, zusätzlichen Hygienekonzept, das ohnehin schon lange besteht, aber angepasst und erweitert werden muss.

In wie weit weitere Lockerungen realistisch möglich sind, das ist insbesondere davon abhängig, wie vernünftig die Menschen handeln und wie sich die Infektionszahlen entwickeln. Ich erlebe in unserer Stadt sehr viel Vernunft, aber wir sind nur ein Zahnrad in einem großen Getriebe. Alle Faktoren sind daher zu bewerten. Klar sein muss aber, Gesundheitsschutz ist ein hohes Gut, das es gilt sicherzustellen. Meine Herangehensweise ist auch zukünftig die gleiche wie bisher: Ich möchte mit dem geringstmöglichen Eingriff, den größtmöglichen Schutz erreichen.

Sie hatten einige Pläne zum Beginn Ihrer Amtszeit. Wie zufrieden sind Sie mit den ersten Monaten und der Entwicklung ihrer eigenen Pläne?

Ich habe sehr viel Zustimmung zu meinem ersten Haushalt erfahren, denn dieser wurde mit einer deutlichen Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung beschlossen. Inhalte dieses Haushaltes sind natürlich auch weitreichende Punkte aus meinem Wahlprogramm und basieren auch auf gewonnen Erfahrungen aus meiner Zeit als Erster Stadtrat, sowie als Mitarbeiter des Landrates. Durch die nun eingetretene Situation sind natürliche einige Vorhaben finanziell zu überprüfen, denn es geht nach der Bekämpfung des eigentlichen Krieses auch um das Abwehren einer finanziellen Krise. Finanzielle Sicherheit der Menschen ist mir enorm wichtig, daher galt es kleinere Projekte zu stoppen bzw. erstmal auszusetzen. Doch die großen, die wichtigen, die nachhaltigen und einfach die, die zwingend gebraucht werden, diese treibenden wir auch aktuell massiv voran, denn jede Krise ist auch eine Chance.

Sie bekommen besonders viel positives Feedback für Ihre offene Kommunikation. Auch Ihre „Online-Sprechstunden“ bei Facebook treffen den Nerv der Zeit. Wie wichtig ist Ihnen der rege Austausch mit den Bürgern und wie wirkt sich dieser auf ihre tägliche Arbeit aus?

Sie erinnern sich sicherlich noch an meine Vorstellung als Bürgermeisterkandidat. Ich war 12 Jahre lang Bürgerbeauftragter der größten Verwaltung in diesem Landkreis. Bürgerbeteiligung, Austausch, Information, Aufklärung, Aufgreifen von Wünschen, genauso wie von Nöten und intensives Zuhören, eben nahe bei den Menschen sein, das sind für mich neben fachlicher und menschlicher Qualifikation die wichtigsten Säulen im Fundament eines guten Jobs als Bürgermeister. Diese Art der Bürgerbeteiligung bei Verfahren, Projekten und vielem mehr war klar von mir im Wahlprogramm formuliert und die Kommunikation über Videokonferenz, Onlinesprechstunde und andere tägliche Aspekte, diese werde ich auch in Zukunft beibehalten und noch weiter ausbauen. Es bringt sehr viel und das wusste ich aus meiner beruflichen Vergangenheit und das lebe ich auch täglich. Außerdem: Ich habe enorm viel Freude am gemeinschaftlichen Austausch. Wie gesagt, ich habe  hier noch weitere Ziele, die wir nach und nach angehen werden.

Welche Entwicklung verfolgen Sie im Bereich Soziales und Wohnungsbau? Wie ist hier der aktuelle Stand bei laufenden bzw. geplanten Projekten?

Aktuell haben wir die Vorplanungen für unser Neubaugebiet Nord-West III abgeschlossen. Nun werden die letzten Gutachten erarbeitet und danach geht es in die so genannte Offenlegung. Ich gehe davon aus, dass wir im Frühjahr 2021 dann auch mit der Erschließung beginnen können. Folglich werden dort mehr als 50 Bauplätze zur Verfügung stehen.

Auf einer für die ursprünglich vorgesehene Nutzung nun nicht mehr benötigten Fläche im Bereich des letzten Baugebietes Nord-West II könnte ebenfalls ein neues Projekt entstehen. Ein Mehrgenerationenhaus, ein Projekt zum Thema Leben im Alter und weitere Ansätze. Ich habe hierzu bereits öffentlich mitgeteilt, dass ich mich für solche Projekte einsetze. Ein Grundsatz hierbei ist eine solide Finanzierung und eine klare Willenserklärung der Beteiligten. Die Menschen werden zum Glück immer älter. Danach muss auch hier ein entsprechendes Angebot zur Verfügung stehen – zumindest ist das mein Grundsatz.

Wichtig ist mir auch die Förderung für junge Familien. Daher halte ich an meinen Plänen fest eine Förderung pro Kinde und pro Quadratmeter zu realisieren, wenn ein städtischer Bauplatz erworben wird. Auch dafür werde ich eintreten.

Abschließend wollen wir die letzten Worte gerne Ihnen überlassen und Ihnen die Möglichkeit geben den Leserinnen und Lesern, den Bürgerinnen und Bürgern von Reinheim gerne noch etwas mitzuteilen, was wir im Interview noch nicht angesprochen haben bzw. was Sie gerne noch sagen möchten.

Als ich vor einigen Monaten meinen Traumberuf, Bürgermeister, antreten durfte, hätte ich es nicht für möglich gehalten, was eben kurze Zeit nach Amtsantritt auf uns alle zukommt mit der aktuellen Krise. Es waren heute Entscheidungen zu treffen, die ich 48 Stunden zuvor für unrealistisch hielt und 24 Stunden vor Entscheidung das erste Mal die Möglichkeit in Betracht gezogen habe. Wir kommen bisher gut durch diese Krise. Das hängt insbesondere mit ihrem solidarischen und vorbildlichen Handeln zusammen. Dafür danke ich Ihnen persönlich und von ganzem Herzen. Glauben Sie mir, auch ich habe jeden Tag die Frage der Ungewissheit verbunden mit dem „Wie geht es weiter“ in mir. Manchmal bereitet auch mir das alles sehr große Sorgen, aber wenn ich abends nach Hause komme und sagen kann, ich habe heute wieder alles notwendige getan um mein Umfeld und mich zu schützen, dann weiß ich, es war alles, wenn es auch noch so schwierig war und ist, richtig.

Lassen Sie uns auch zukünftig so solidarisch zusammenstehen. Für die Menschen, die besonders geschützt werden müssen, für die Menschen, die nicht zu Hause bleiben können, für die Kinder, die ihre Freunde brauchen, für unsere älteren Menschen, die sich freuen, ihre Familie wiederzusehen, für unsere Freunde und Bekannte, die unser Leben mitgestalten. Für die Menschen, die in Kurzarbeit sind, das Gewerbe und die Gastronomie. Die Vereine und das gesamte Ehrenamt, die Hilfs- und Rettungsorganisationen von Feuerwehr, über DRK; den Ärztinnen und Ärzten, den Pflegekräften, den Menschen, die Masken nähen und für die Einkaufshelferinnen und  -helfer und alle anderen, die von den mittel- und unmittelbaren Auswirkungen dieser Krise betroffen sind. Je konsequenter wir jetzt sind, umso rascher werden wir unseren gewohnten Alltag wieder zurückbekommen.

Ich möchte heute auch klar zum Ausdruck bringen, dass ich in den letzten Wochen, auch wenn diese Krise noch so dramatisch ist, einmal mehr gesehen habe, welche tolle, engagierte und solidarische Menschen  es gibt. Menschen die Verständnis haben, die handeln, die Anpacken und die Hilfe leisten. Unsere gemeinsame Stadt lebt von Gemeinsamkeit und Sie kennen meinen Satz, „Nur die Gemeinsamkeit lässt wirklich Großes entstehen“. Das ist die beste Grundlage für eine gute Entwicklung und baldige Überwindung dieser Krise, aus der wir gestärkt und gewappnet hervorgehen werden.

Ich wünsche Ihnen für die Zukunft nur das Beste! Passen Sie auf sich auf, bleiben Sie gesund und seien Sie versichert, wir werden auch zukünftig alles tun, um Sie zu schützen. Ich freue mich auf ein persönliches Wiedersehen mit Ihnen und Euch!

Vielen Dank für das Interview! Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg im Amt des Bürgermeisters und bleiben Sie gesund!

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